Hans-Jürgen Westphal singt

Lieder am Vorabend II

Wir hörten den Lehrling dann später beim Fliesenlegen im Bad immer wieder den Hochzeitsmarsch pfeifen. In dem „Hochzeitsbild“ des Lehrmeisters war nicht etwa das Schlafzimmer der Ort der „Hochzeitsnacht“, sondern jenes Bad in dem der Lehrling mustergültig arbeitete. Gerne wollte der Lehrling seinen Anteil zum Glück der Liebenden beitragen. Wir haben bei der Hospitation nie erlebt, dass zur Motivation der Lehrlinge eine gute Bezahlung, eine Prämie etwa, in Aussicht gestellt wurde, oder von der negativen Seite betrachtet, mit Lohnabzügen gedroht wurde. Immer sah der Lehrmeister den gesellschaftlichen Charakter der Arbeit im Sozialismus, sah, dass wir im Sozialismus gegenseitig unser Dasein gestalten, sah, dass wir gegenseitig Quelle von Lebensfreude und Lebensgenuss sein können. In dem, was er sagte, war der ehrliche Herzschlag zu hören. Kurz vor dem Feierabend fanden sich die Lehrlinge in der „Baubude“ ein. Auch wir Studenten saßen mit am Brettertisch, als der Lehrmeister den Arbeitstag auswertete. Es war nur Lob zu hören, berechtigt. Besonders lobte er jenen Lehrling, dessen Phantasie durch die „Hochzeitsnacht im Bad“ angeregt worden war. Das fachliche tat er sehr schnell ab. Zigarette rauchend, die Ellbogen auf die Knie gestützt, schaute er dabei auf den Fußboden. Danach hob er den Kopf und sah mich an, nicht den Lehrling. Sein Blick teilte mir mit: Jetzt passe auf Student, was ich für einen klugen, guten Lehrling habe! Dann fragte er: „Wasch meinsch du, gabsch noch andre Grund da dafür, für dein gutesch Tagwerk?“ Der Lehrling fing auch sofort an, sehr zur Freude der anderen Lehrlinge, seine Phantasien von der „Hochzeitsnacht in Bad“ mitzuteilen. Was er erzählte war voller erotischer Spannung doch ohne im Mindesten ins Schlüpfrige abzugleiten. Spontan bekam er von allen in der „Baubude“ Beifall. Ein Lehrling sagte mehr zu sich selbst doch laut: „Ja, so müsst es sei!“ Nach diesem Hospitationstag war mir klar, dass dieser gute Mensch trotz seiner sehr schlechten Aussprache gar nicht Gegenstand böswilligen Spottes von Lehrlingen sein konnte, dass vor allem das was gesagt wird wichtig ist. <weiter>

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